Prof. Dr. Ralf-Henning Steinmetz

Studienrat mit den Fächern Deutsch und Philosophie
am Städtischen Gymnasium Neustadt in Holstein

Außerplanmäßiger Professor für Deutsche Philologie
an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Hier biete ich
Unterrichtsmaterialien für den Schulgebrauch,
Materialien für akademische Lehrveranstaltungen,
einen Überblick meiner wissenschaftlichen Schriften
einen Abriß meines Lebenslaufs.

Hier geht es zu der von mir herausgegebenen Kieler Online-Edition des Tannhäuser,
hier zu der von mir mitbetreuten Online-Bibliographie der ›Sieben weisen Meister‹.

Hier steht das Internet-Denkmal für die Urheber der Rechtschreibreform,
hier schließlich finden sich einige ihrer bezeichnenden Äußerungen.


Wieland über einige Moden in der Wissenschaft

»Die größten, die gefährlichsten, die unerträglichsten aller Narren […] sind die raisonnierenden Narren. Ohne weniger Narren zu sein als andre, verbergen sie dem undenkenden Haufen die Zerrüttung ihres Kopfes durch die Fertigkeit ihrer Zunge, und werden für weise gehalten, weil sie zusammenhangender rasen als ihre Mitbrüder im Tollhause. Ein ungelehrter Narr ist verloren, so bald es so weit mit ihm gekommen ist, daß er Unsinn spricht. Bei dem gelehrten Narren hingegen sehen wir gerade das Widerspiel. Sein Glück ist gemacht und sein Ruhm befestiget, so bald er Unsinn zu reden oder zu schreiben anfängt. Denn die meisten, wiewohl sie sich ganz eigentlich bewußt sind, daß sie nichts davon verstehen, sind entweder zu mißtrauisch gegen ihren eigenen Verstand, um gewahr zu werden, daß die Schuld nicht an ihnen liegt; oder zu dumm, um es zu merken, und also zu eitel, um zu gestehen, daß sie nichts verstanden haben. Je mehr also der gelehrte Narr Unsinn spricht, desto lauter schreien die dummen Narren über Wunder; desto emsiger verdrehen sie sich die Köpfe, um Sinn in dem hochtönenden Unsinn zu finden. Jener, gleich einem durch den öffentlichen Beifall angefrischten Luftspringer, tut immer desto verwegnere Sätze, je mehr ihm zugeklatscht wird. Diese klatschen immer stärker, um den gelehrten Gaukler noch größere Wunder tun zu sehen. Und so geschieht es oft, daß der Schwindelgeist eines Einzigen ein ganzes Volk ergreift, und daß, so lange die Mode des Unsinns dauert, dem nämlichen Manne Altäre aufgerichtet werden, den man zu einer andern Zeit, ohne viele Umstände mit ihm zu machen, in einem Hospital versorgt haben würde.«

(Wieland, Geschichte der Abderiten, II 4)


Stackmann über Philologie heute

»Ich beginne mit ein paar Bemerkungen darüber, wie ich Philologie verstanden wissen möchte. Ihre Aufgabe ist die Rekonstruktion der geistigen Kultur vergangener Epochen. Zur Erreichung ihres Ziels bearbeitet sie die schriftliche Hinterlassenschaft dieser Epochen. Sie ist mithin Geschichtswissenschaft in spezieller Hinsicht, und soweit sie einer besonderen Legitimation bedarf, ist es diejenige, die alle Geschichtswissenschaft für sich in Anspruch nehmen kann: Sie wacht zu ihrem Teil darüber, daß dem Menschen der Gegenwart das zur Wahrung seiner Identität nötige historische Wissen unverfälscht zu Gebote steht und daß da, wo er sich um eigener Lebensbedürfnisse willen mit Fragen an die Geschichte wendet, die Antwort wahrheitsgemäß ausfällt. Sie ist Mittlerin namentlich da, wo sich die Gegenwart auf eine Auseinandersetzung mit großer Kunst oder mit großen geistigen Entwürfen früherer Jahrhunderte einläßt.
Objekte der Philologie sind Texte, insbesondere literarische Texte, und diese Texte hat sie dem Verständnis der Gegenwart zu erschließen. Das tut sie ebenso unter sprachlich-formalen wie unter inhaltlichen Gesichtspunkten. Alles, was nur irgend für das Verständnis förderlich sein könnte, findet ihre Aufmerksamkeit. Ihrem Anspruch nach ist sie enzyklopädisch angelegt. Sie geht pragmatisch vor, jede Verabsolutierung eines methodischen oder theoretischen Standpunktes liegt ihr fern. Ihren Aussagen kommt immer nur ein mehr oder weniger großer Grad an Evidenz zu. Daraus folgt, daß sie stets bereits sein muß, sich zu korrigieren, wenn neue Fakten bekannt werden oder altbekannte Fakten eine neue Bewertung verlangen. Sie wird immer fehlbar sein und ist sich dessen bewußt. Kurz und gut, um es mit einem von Jacob Grimm für die historischen Disziplinen insgesamt geprägten Begriff zu sagen, sie ist eine „ungenaue“ Wissenschaft.
[…] man trifft gerade bei Vertretern philologischer Fächer nicht selten die Meinung, die Philologie sei obsolet geworden. Da heißt es denn wohl, es sei an der Zeit, daß sie zugunsten von neuen Spezialdisziplinen wie Semiotik, Linguistik, Kommunikations- und Literaturwissenschaft das Feld räume. Solche Kritik hat mancherlei Ursachen, denen hier nicht im einzelnen nachgegangen werden soll. Vor allem dürfte sich darin das Ungenügen an der Masse unscheinbarer Probleme bekunden, auf die sich der Philologe bei seinen Bemühungen um die Sicherung eines zureichenden Textverständnisses einlassen muß. Die viel belächelte und noch öfter verlästerte „Mikrologie“, ohne die es in der Philologie nun einmal nicht abgeht, hat nicht wenig zu dem Wunsch nach Etablierung neuer und stärker spezialisierter Disziplinen beigetragen, von Disziplinen, die durch den Anschluß an bestimmte wissenschaftstheoretische Grundpositionen auf ihren Teilgebieten zu großzügigeren Entwürfen kommen können als die pragmatisch und enzyklopädisch verfahrende Philologie.
Gegen solche Differenzierung und Spezialisierung ist nichts einzuwenden. Sie entspricht dem allgemeinen Gang der Wissenschaftsentwicklung. Es ist aber darauf hinzuweisen, daß mit dem Auftreten der Tochterwissenschaften die Mutterwissenschaft nicht einfach überflüssig wird. Der Beitrag, den sie leistet, indem sie ein allseitiges, durch keine apriorischen Festlegungen eingeschränktes Verstehen historischer Texte ermöglicht, ist für unsere moderne Gesellschaft unentbehrlich. Zu ihrem geistigen Haushalt gehören Texte aus allen großen Kulturen, sie ist daher auch auf zuverlässige Auskünfte über diese Texte angewiesen.«

(Aus: Karl Stackmann, Philologie heute. Rede bei der Entgegennahme des Ernst-Hellmut-Vits-Preises, 18. November 1983.)




Letzte Änderung: 14.11.2014.